Eindrücke vom Fachtag „Neue Gesetze – jugendgerecht?“ und dem Impulsvortrag von Dr. Sebastian Kurtenbach: Kinder haben sich nicht verändert – aber die Welt um sie herum, mit der sie fertig werden müssen.
Der Fachtag „Neue Gesetze – jugendgerecht?“ letzte Woche in Kiel bot viele spannende Perspektiven: Die Bedeutung von Partizipation, Möglichkeiten für (mehr?) Beteiligung, doch der Impulsvortrag von Dr. Sebastian Kurtenbach – „Aufwachsen in einer alternden Gesellschaft“ – war einer dieser seltenen Momente, in denen man spürt: Hier wird ein strukturelles Problem sichtbar, das wir in der Jugendhilfe täglich erleben, aber selten so klar benennen.
Dr. Kurtenbach zeigte eindrücklich, wie sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen verändert haben – und warum Kinder heute mit deutlich mehr Belastungen in die Hilfesysteme kommen. Für die Jugendhilfe stellen sich zwei Herausforderungen dar:
1. Kinder aus belasteten Familien tragen heute so viel mehr „Gepäck“.
2. Nachbarschaft, Kita und Schule können dieses Gepäck nicht mehr abfedern.
Die Antworten für diese Erkenntnisse liegen in zwei strukturellen Entwicklungen, die Dr. Kurtenbach bereits im Einstieg seines Vortrags sichtbar machte. Wie sich das Ganze für unsere Belange in der stationären Jugendhilfe auswirkt, habe ich hier versucht einzuordnen:
Themenblock 1: Fragmentierte Kindheiten – wenn Startbedingungen auseinanderdriften
Dr. Kurtenbach machte deutlich, dass Kindheit heute nicht mehr durch gemeinsame Normalitäten geprägt ist, sondern durch strukturelle Fragmentierung. Diese Fragmentierung entsteht nicht zufällig, sondern durch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, die in fünf Dimensionen sichtbar werden:
(1) Familiäre Ressourcen driften auseinander
Einige Familien verfügen über Zeit, Geld, Bildung, emotionale Stabilität – andere über fast nichts davon. Diese Unterschiede sind nicht mehr Randphänomene, sondern strukturelle Realität.
(2) Nachbarschaften tragen nicht mehr
Früher gab es soziale Korrektive: Nachbarn, Spielkameraden, ältere Jugendliche, Vereinsstrukturen, Großfamilien…. Heute sind viele Quartiere sozial entmischt, anonym oder überaltert. Kinder erleben weniger Unterstützung, weniger Vorbilder, weniger soziale Einbettung, aber auch weitaus weniger Möglichkeiten für eigene Erfahrungen.
(3) Institutionelle Räume sind ungleich und überlastet
Kitas und Schulen unterscheiden sich massiv in Qualität, Ausstattung und Stabilität. Fachkräftemangel, Fluktuation und Überforderung sind Alltag. Kinder erleben Brüche statt Kontinuität. Diese (Beziehungs-) Abbrüche haben deutlich prägendere Auswirkungen für Kinder, die ohnehin bereits mit Trauma, Bindungs- und Beziehungsabbrüchen Erfahrungen gemacht haben.
(4) Freiräume verschwinden
Spielplätze, Grünflächen, sichere Wege – vieles davon ist nicht mehr selbstverständlich. Kindheit findet zunehmend in „Sonderumwelten“ statt, nicht im Alltag. Deutlich wird dies auf „privaten Spieplätzen“ in Einfamilienhaussiedlungen, aber eben genau so auch in Quartieren, die zunehmend für die steigende Anzahl an älteren Menschen umstrukturiert werden.
(5) Sekundäre Netzwerke brechen weg
Trainer*innen, engagierte Nachbar*innen, Jugendleiter*innen – diese stabilisierenden Figuren werden seltener.
Die Konsequenz:
Im Idealfall spielen eben diese fünf Dimensionen zusammen; in der Realität driften sie aber weiter auseinander, sodass hier keine Berührungspunkte entstehen – hieraus folgen unterschiedliche Normalitäten für Kinder, die sich in den weiteren sozialisierenden Instanzen weiter verfestigen: Kita, Schule etc..
Kinder (aus belasteten) Familien haben keine kompensierenden Räume mehr. Vieles von dem, was früher im Sozialraum aufgefangen wurde, fällt weg.
Themenblock 2: Ein Bildungssystem, das auf alte Normalitäten ausgerichtet ist
Der zweite große Themenblock zeigte, dass das deutsche Bildungssystem weiterhin mit einem Bild von Kindheit arbeitet, das es nicht mehr gibt. Besonders eindrücklich war für mich dieses Zitat: „Grundschulklassen sind diverser als der durchschnittliche DAX-Vorstand.“ Und dies resultiert aus den unterschiedlichen Normalitäten, die die Kinder erleben.
Kita, Grundschule, weiterführende Schule – drei Logiken, die nicht zusammenpassen
• Kita: Persönlichkeitsentfaltung
• Grundschule: gleiche Grundfertigkeiten für alle
• Weiterführende Schule: Selektion
Für sich genommen logisch – im Zusammenspiel dysfunktional. Das System erwartet Homogenität – bekommt aber Superdiversität. Kinder kommen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen, doch das System behandelt sie, als hätten sie alle denselben Startpunkt. Überlastete Lehrkräfte, fehlende multiprofessionelle Teams, wenig Zeit für Beziehung. Kinder mit komplexen Lebenslagen werden schnell zu „Problemfällen“. Schulen können nicht kompensieren – sie verstärken aufgrund eines veralteten Verständnis von den Lebensrealitäten der Kinder von heute. Das System ist auf Fachkräfte ausgerichtet – nicht auf Kinder. Kinder mit schwierigen Biografien passen nicht in die Logik des Systems.
Die Konsequenz:
Kinder, die ohnehin wenig familiäre und nachbarschaftliche Ressourcen haben, erleben in Schule und Kita keine Entlastung, sondern zusätzliche Belastung.
Was bedeutet das für die Jugendhilfe?
Die stationäre Jugendhilfe wird heute mit Fällen konfrontiert, die komplexer, vielschichtiger und schwerer kompensierbar sind als früher. Nicht, weil die Kinder „schwieriger“ geworden wären – sondern weil die gesellschaftlichen Strukturen um sie herum brüchiger geworden sind. Das hat der Vortrag eindrücklich gezeigt.
Jugendhilfe kompensiert, was andere Systeme nicht mehr leisten können
• fehlende familiäre Stabilität
• fehlende nachbarschaftliche Unterstützung
• fehlende schulische Förderung
• fehlende Freiräume
• fehlende sekundäre Netzwerke
Fachkräfte übernehmen Aufgaben, die früher im Sozialraum lagen
Beziehungsarbeit, Struktur, Freizeit, emotionale Stabilisierung, Bildungsbegleitung – all das war früher verteilt auf viele Schultern. Heute landet es bei den Fachkräften, die eben diese verschiedenen komplexen Konstellationen wahrnehmen, beurteilen und regulieren können.
Jugendhilfe wird teurer, weil sie die letzte Instanz ist, die überhaupt noch trägt
Wenn alle anderen Systeme schwächer werden, steigt der Druck auf das System, das nicht ausweichen kann: Hier kommen die Kinder hin, die woanders nicht (mehr) gehalten werden können. Das Fazit sollte sein: Alte Strukturen reichen für neue Kindheiten nicht mehr aus. Und entsprechend auch nicht das Budget, um den gestiegenen Anforderungen zu begegnen, für die sich die Ursache benennen lässt.
Der Vortrag von Dr. Sebastian Kurtenbach hat eines sehr klar gezeigt: Es bringt nichts, alten Strukturen mehr Geld hinterherzuwerfen, wenn die Realität der Kindheiten sich grundlegend verändert hat.
Wir brauchen:
• neue Formen der Sozialraumorientierung
• echte multiprofessionelle Teams in Bildungseinrichtungen
• stärkere Netzwerke im Quartier
• Räume, die Kindheit ermöglichen
• politische Repräsentation von Kindern und Jugendlichen
• und eine Jugendhilfe, die nicht länger Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Versäumnisse ist
Kinder haben sich nicht verändert – aber die Welt um sie herum, mit der sie fertig werden müssen.
