Wie begleiten wir Kinder und Jugendliche in ihrer sexuellen Entwicklung sicher, offen und schützend?
Damit haben sich Mitarbeiter*innen aus unseren Mitgliedseinrichtungen in einer Fortbildung mit pro familia Schleswig-Holstein beschäftigt.
Körper, Liebe, Grenzen: Diese Themen gehören zum pädagogischen Alltag, ob in der Kita, im Hort oder in der Jugendhilfe. Kinder stellen Fragen, spielen Körpererkundungsspiele, Jugendliche suchen ihren Platz zwischen Autonomie und Zugehörigkeit.
Für Fachkräfte heißt das: Haltung zeigen, sicher reagieren und Schutz mitdenken.
Am 30.09.2026 haben sich Mitarbeiter*innen aus unseren Mitgliedseinrichtungen dafür Zeit genommen. Zwei Sexualpädagoginnen von pro familia Schleswig-Holstein haben die Fortbildung geleitet: fachlich fundiert, praxisnah und mit viel Raum für Austausch.
Sexualität ist mehr als Sex
Zum Einstieg lag ein großer Kreis aus Begriffen und Alltagsgegenständen auf dem Tisch: ein Kuscheltier, eine Puppe, ein Stethoskop, eine Regenbogenfahne, ein altes Handy. Rundherum Karten wie vielfältig, kindlich, alltäglich, neugierig, verletzlich, Rollenbilder oder Druck und Übergriffe. Schnell wurde klar: Sexualität umfasst weit mehr als Sex.
Sexualität begleitet Menschen ein Leben lang, von Geburt an bis ins hohe Alter. Sie zeigt sich in vielfältigen Identitäten, Beziehungs- und Familienformen. Und sie wird geprägt von der eigenen Biografie, von Werten und gesellschaftlichen Erwartungen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass Fachkräfte auch ihre eigene Haltung reflektieren.
Kindliche Sexualität ist anders
Ein zentraler Gedanke der Fortbildung: Kindliche Sexualität lässt sich nicht mit erwachsener Sexualität vergleichen. Kinder erleben ihren Körper spielerisch, spontan und neugierig, ganzheitlich und im Hier und Jetzt. Kuscheln, Toben, Matschen oder Fingerfarben auf der Haut sind für sie genauso lustvoll wie die Entdeckung des eigenen Körpers. Erwachsene dagegen sehen Kinder oft durch die Brille ihrer eigenen Erfahrungen.
Im Jugendalter verändert sich dann vieles. An einem lebensgroßen Körperumriss sammelten die Teilnehmenden, was Jugendliche in der Pubertät beschäftigt: körperliche Veränderungen, Hormone, Hygiene, aber auch Fragen wie Wer bin ich? Wer will ich sein? Dazu kommen Autonomie, Zugehörigkeit, Idealbilder und Einflüsse aus Umfeld und sozialen Medien. Auch die rechtlichen Schutzaltersgrenzen waren Thema, damit Fachkräfte einordnen können, was erlaubt ist und wo sie schützen müssen.
„Wer alt genug ist für eine Frage, ist auch alt genug für eine Antwort“
Wie reagiere ich, wenn ein Kind fragt, wo Babys herkommen? Oder wenn Jugendliche mich ganz direkt etwas fragen? Gemeinsam hat die Gruppe gesammelt, worauf es ankommt:
• Interesse zeigen und mit Wertschätzung reagieren
• ehrlich und wahrheitsgemäß antworten, kurz, klar und altersgerecht
• authentisch bleiben und dabei selbst entscheiden, wie viel man von sich preisgibt
• nach der Frage hinter der Frage suchen: Was weiß das Kind schon, was möchte es eigentlich wissen?
• geschlechtersensibel sprechen und Normierungen entgegenwirken
Ein Satz ist vielen besonders hängen geblieben: Alles, was ich sage, muss wahr sein, aber nicht alles, was wahr ist, muss ich sagen.
Und wer Kindern konkrete Begriffe für ihren Körper gibt, gibt ihnen auch die Sprache, um sich mitzuteilen.
Körpererkundungsspiele begleiten, Grenzen schützen
Körpererkundungsspiele unter Kindern im Kita-Alter sind ein normaler Teil der Entwicklung. Damit sie gute Erfahrungen bleiben, brauchen sie klare Regeln. Jedes Kind hat das Recht, selbst zu bestimmen, ob und mit wem es spielt. Es darf Ja und Nein sagen, und beides wird respektiert. Ältere Kinder, Jugendliche oder Erwachsene spielen nicht mit. Und jedes Kind darf sich Hilfe holen.
Genauso wichtig ist der Blick dafür, wann aus einem Spiel ein Übergriff wird. Hinweise sind zum Beispiel Unfreiwilligkeit, ein Machtgefälle zwischen den Kindern oder Verhalten, das untypisch für kindliche Sexualität ist. Dann ist eine fachliche Reaktion immer nötig, sie ergibt sich aus dem Kinderschutzauftrag.
Starke Kinder sind besser geschützt. Präventionsbotschaften wie “Mein Körper gehört mir”, “Ich darf Nein sagen, auch zu Erwachsenen” oder “Ich bin nicht schuld, wenn mir jemand etwas antut” geben Kindern Sicherheit. Ebenso schützen Zuwendung, Zuverlässigkeit, ein gestärktes Selbstwertgefühl und Erwachsene, die offen über Körper und Sexualität sprechen.
Vom Wissen in den Alltag
Damit sexuelle Bildung nicht vom Zufall abhängt, braucht jede Einrichtung ein sexualpädagogisches Konzept. Der Weg dorthin führt vom Teambeschluss über die Analyse der Ausgangslage, gemeinsame Ziele und Fortbildungen bis zur Information der Eltern / Sorgeberechtigten und einer regelmäßigen Überprüfung.
Zum Stöbern gab es einen gut bestückten Büchertisch: Bilderbücher zur Körperaufklärung, Bücher für Jugendliche sowie Elternratgeber des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).
Viele Teilnehmende haben Anregungen direkt für ihre Einrichtung mitgenommen.
Danke!
Wir danken den beiden Referentinnen von pro familia Schleswig-Holstein für eine lebendige und bereichernde Fortbildung. Und wir danken allen Teilnehmenden für ihre Offenheit und den ehrlichen Austausch.
Sie möchten mehr zum Thema wissen oder suchen Unterstützung für Ihre Einrichtung? Das Team Sexuelle Bildung von pro familia Kiel ist erreichbar unter sexuellebildung.kiel@profamilia.de.
