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Familienanschluss rund um die Uhr

In Spandau bietet ein Ehepaar Berlins erste 24-Stunden-Kinderbetreuung an.
Die Nachfrage berufstätiger Eltern ist groß.
„Der Klaus kommt", ruft der zweijährige Justin aufgeregt und schon drängen sich die Kinder am Schutzgitter der offenen Ladentür. Klaus und sein Kollege Mischa sind die Müllmänner in der Staakener Straße und begrüßen ihre kleinen Freunde per Handschlag. Auch die Postbotin und der Polizist sind den Besuchern des „Wichtelclubs" vertraut. Berlins erste 24-Stunden-Kinderbetreuung ist im Spandauer Kiez integriert, und die Kinder scheinen sich hier fast wie zu Hause zu fühlen.

Ihre Eltern wissen den Rund-um-die Uhr-Service zu schätzen. Die Mutter der inzwischen zehnjährigen Alina ist Krankenschwester mit häufigen Nachtschichten. Ohne eine entsprechende Kinderbetreuung hätte sie ihren Job aufgeben müssen. Wichtelclub-Gründerin Beate Neitzel kennt die Nöte berufstätiger Frauen. Als ehemalige Filialleiterin eines Supermarktes, die ihren Job wegen eines Rückenleidens aufgeben musste, kam sie vor sieben Jahren auf die Idee, Kinder auch dann zu betreuen, wenn Kitas längst geschlossen haben. Das sprach sich herum und bald standen die Eltern vor der Gartenhauswohnung Schlange. Denn nicht erst seit Freigabe der Ladenöffnungszeiten müssen immer mehr Mütter und Väter außerhalb der klassischen Arbeitszeiten ihrem Beruf nachgehen.

Als der Andrang immer größer wurde stieg auch Ehemann Olaf Neitzel mit ein und erwarb die Tagespflege-Lizenz. Sein Arbeitgeber, ein Kfz-Zubehörhandel, wollte Personal abbauen. Neitzel steckte seine Abfindung in die Anmietung und den Umbau eines ehemaligen Ladengeschäfts. Dort spielen die Schützlinge der Neitzels jetzt auf einem Hochbett mit Steuerrad Kapitän oder springen im Nebenzimmer in ein mit Plastikbällen gefülltes Schwimmbecken.

Ohne den Wichtelclub könnte Justins Mutter nicht jeden Morgen früh in der Bäckerei stehen, und auch die Handelsreisende Monika Wendt, Mutter der dreijährigen Felicitas, sagt: „Ich hätte meinen Job nicht mehr ausüben können." Hier kann sie ihre Kleine schon früh um sechs Uhr vorbeibringen und um 20 Uhr abholen – oder ihre Tochter auch übernachten lassen, wenn sie einmal später von einer Dienstreise heimkehrt. Felicitas sei „fast in die Familie aufgenommen worden", sagt Monika Wendt.

So geht es allen Kindern. Man geht zusammen Einkaufen, macht Ausflüge und sogar ein gemeinsamer Zahnarztbesuch steht regelmäßig auf dem Programm. Das Ehepaar Neitzel richtet sich ganz auf die Arbeitszeiten der Eltern der Pflegekinder ein, viel Freizeit bleibt da nicht. Sie versuchen, sich den Sonntag für die Familie frei zu halten. Auch die eigene, vierjährige Tochter Ida, ist ansonsten voll in den „Wichtelclub" integriert. Im Sommer und zu Weihnachten gibt es je 14 Tage Urlaub, die Termine werden den Eltern bereits zum Jahresbeginn mitgeteilt. Doch in der zweiten Ferienwoche fehlt ihr meist bereits wieder der Trubel, sagt Beate Neitzel.

Eigentlich ist der „Wichtelclub" keine Kita, sondern eine doppelte Tagespflegestelle. Deshalb dürfen die Eheleute derzeit auch nur je drei Kinder ganztags und ein weiteres Kind halbtags betreuen. Gerne wollen sie weitere Nebenräume ausbauen, um ihr Angebot auszuweiten. Auch eine Arbeitswillige hat sich bereits gefunden, die als Tagesmutter das Ehepaar unterstützen will. Doch bisher tun sich die Behörden auf Bezirks- und Landesebene schwer. Anders als in Brandenburg, wo eine entsprechende Erweiterung einer Tagespflegestelle grundsätzlich möglich ist, ist die Genehmigung in Berlin eine reine Ermessensfrage, so die Tagesmutter.

Dabei wolle sie noch nicht einmal den höheren Tagessatz, der ihr dann zustehen würde, so Beate Neitzel. Jetzt gibt es pro Kind und Monat 400 Euro, die Eltern erhalten vom Jugendamt einen von der Einkommenshöhe abhängigen Zuschuss. Reich werden könne man mit der Kinderbetreuung ohnehin nicht, sagen die Eheleute. Zumal man auf Qualität setze und beispielsweise für das selbst gekochte Mittagessen nur hochwertige Lebensmittel verarbeite. Auf dem Speiseplan stehen hier etwa Kohlrabieintopf, Tagliatelle mit Sahnepilzen oder Lachs in Dillsoße.

Jetzt hat das Ehepaar beim Senat die erforderliche Betriebserlaubnis für eine Erweiterung beantragt. Unterstützung kommt auch vom Spandauer SPD-Bundestagsabgeordneten Swen Schulz. „Für immer mehr Menschen endet die Arbeitszeit nicht um 17 Uhr. In der Kinderbetreuung ist diese Realität noch nicht recht angekommen", sagt Schulz. Er setze darauf, dass die Ausweitung des Angebots realisiert werden kann. Ferner sprach er sich dafür aus, auch die Angebote der Kitas künftig noch flexibler an den Elternwünschen auszurichten.

Quelle: Tagesspiegel, 05.09.2007

 

 

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